Tierschutz im Unterricht?

Der Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft insgesamt wird an der Schule nur selten thematisiert. Oft fehlt das Thema Tierschutz im Unterricht komplett. Dabei interessieren sich gerade Kinder und Jugendliche häufig sehr für Tiere und ihr Wohlergehen. In der Öffentlichkeit und der Politik wird die Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft viel diskutiert. Da wir alle entscheiden müssen, wie wir uns ernähren und welche Produkte wir konsumieren, betrifft die Frage letztlich uns alle.

Kinder und Jugendliche sollten daher die Gelegenheit erhalten, sich über den Umgang mit Tieren zu informieren und sich eine eigene Meinung zum Thema zu bilden. Diese Information und Reflexion zu ermöglichen ist das Ziel der von unserem Verein Mensch Tier Bildung durchgeführten Workshops und Projekttage. Zudem setzen wir Methoden ein, durch die wichtige Kompetenzen gefördert werden, von Mitgefühl über Urteilsvermögen, das Erkennen von Ungerechtigkeit und das Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge bis hin zu Zivilcourage und Engagement für Schwächere.

Lobbyarbeit und einseitiges Unterrichtsmaterial

Zurzeit bekommen regelmäßig Interessengruppen der Tierwirtschaft von Schulen die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche über die Landwirtschaft zu informieren. Der vom Bauernverband getragene Verein information.medien.agrar stellt vielfältige Unterrichtsmaterialien her, die millionenfach im Unterricht benutzt werden. Ebenso organisieren Interessengruppen der Fleisch- und Milchwirtschaft Hofbesuche, gestalten den „ErlebnisBauernhof“ auf Messen und Stadtfesten oder verteilen eigene Bücher an Kindergärten und Schulen. Häufig schreiben sie sich dabei selbst Tierschutz und Tierschutzbildung auf die Fahnen.

Poster „Das Schwein“ von information.medien.agrar

Poster „Das Schwein“ von i.m.a

Das Problem dabei: Die bereitgestellten Informationen sind nachweislich beschönigend und teilweise sogar falsch. Beschönigt wird zum Beispiel, indem wichtige Fakten – wie die Trennung von Kuh und Kalb in der Milchwirtschaft, das Kürzen der Schnäbel von „Legehennen“ oder die Haltung von Sauen in körperengen Käfigen – aus der eigenen Darstellung ausgeklammert werden. Immer wieder wird betont, dass sich die Tiere in der gegenwärtig üblichen Haltung wohlfühlen – und dies auch, wenn die Tiere dort viele ihrer natürlichen Verhaltensweisen nicht ausüben können und entgegen anderslautender Befunde aus der empirischen Forschung, beispielsweise der Veterinärmedizin. Generell wird ein Bild von Tieren gezeichnet, in dem deren wichtigster Zweck und ihr Wert in ihrem Nutzen für Menschen besteht. Die Motivation dahinter ist klar: Die Interessenverbände wollen weiterer Kritik an der Tierhaltung vorbeugen und zukünftige Konsumentinnen und Konsumenten beeinflussen.

Die ganze Wahrheit und offene Diskussion

Heranwachsende können sich nur dann eine eigene Meinung zu einem Thema bilden, wenn sie über die Realität Bescheid wissen. Ziel unserer Workshops und Projekttage ist es daher, bei den Teilnehmenden zunächst ein Verständnis für die Eigenschaften und Bedürfnisse typischer „Nutztiere“ zu ermöglichen. Im Anschluss werden übliche Haltungsbedingungen dargestellt und eine Auseinandersetzung damit angeregt.

Dabei ist es uns sehr wichtig, keine vorgefertigten Lösungen zu liefern, sondern die Teilnehmenden im eigenen Nachdenken zu bestärken. Häufig zeigen wir verschiedene Positionen – von der Agrarindustrie über kleinbäuerliche Landwirtschaft und Tierschutz bis hin zur Tierrechtsbewegung – und stoßen so eine Diskussion über unterschiedliche Lösungsansätze an.

Gefühle ernst nehmen und ethische Einstellungen unterstützen

Kinder und Jugendliche haben häufig eine besondere Verbindung zu Tieren. Wenn sie erfahren, dass Tiere in unserer Gesellschaft vielfach leiden, kann das starke Gefühle auslösen. Unser Anspruch in Workshops ist es, diese Gefühle sensibel aufzufangen. Sich in andere hineinversetzen und mitleiden zu können, ist eine wichtige Fähigkeit für das Zusammenleben auch unter Menschen. Ein wichtiges Ziel unserer Workshops ist es, diese Fähigkeit einzuüben, wozu auch der richtige Umgang mit den entstehenden negativen Gefühlen gehört. Daher zeigen wir nicht nur die Realität, sondern auch Lösungsansätze und Handlungsmöglichkeiten auf.

Schülerinnen und Schüler beim Projekttag "Tiere in der Landwirtschaft"Wenn Kinder und Jugendliche sich für Tiere einsetzen möchten oder z. B. aus Mitgefühl mit Tieren vegetarisch oder vegan leben, werden diese ethischen Einstellungen häufig nicht ernst genommen und die Schüler_innen sind Ignoranz oder sogar Spott ausgesetzt. Wir unterstützen Kinder und Jugendliche sowohl darin, zu eigenen Überzeugungen zu stehen und diese zu vertreten, als auch darin, Verständnis für abweichende Meinungen zu entwickeln. Auf diese Weise möchten wir dazu beitragen, diese Gesellschaft insgesamt zu einem besseren Ort für alle, nicht nur für Tiere, zu machen.

Gesellschaftliche Bedingungen verstehen und kritisieren

Unser gegenwärtiger Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft ist nicht naturgegeben oder unveränderlich, auch wenn das von Lobbygruppen gerne so dargestellt wird. Stattdessen beruht er, wie viele gesellschaftliche Phänomene, auf komplexen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen. In unseren Workshops thematisieren wir diese Bedingungen mit dem Ziel, dass die Teilnehmenden generell ein besseres Verständnis für die Strukturen unserer Gesellschaft gewinnen. Gerade für die Frage nach sinnvollen Handlungs- und Lösungsansätzen ist es entscheidend, die Ursachen für gegenwärtige Praxen zu verstehen.

Auf diese Weise möchten wir die Teilnehmenden in unseren Workshops sowohl dazu anregen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen, als auch die bestehenden Verhältnisse und Missstände in eine größere Perspektive einordnen zu können. Beim Thema Nutztierhaltung denkt man schnell an den eigenen Konsum von Tierprodukten, und natürlich ist es eine wichtige Frage, wie wir als Konsument_innen auf das Wissen über die Verhältnisse in der Tierhaltung reagieren. Zugleich möchten wir aber verhindern, dass Kinder und Jugendliche sich nur oder zu allererst als Konsumentinnen und Konsumenten begreifen: Stattdessen motivieren wir sie, sich als Bürgerinnen und Bürger und politische Akteure zu verstehen, die sich auch anders als über das Einkaufsverhalten für mehr Tierschutz oder Tierrechte einsetzen können. In diesem Sinne leisten wir einen Beitrag zur politischen Bildung und zur Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements.